Theaterleute haben’s auch nicht immer leicht. Über Land müssen sie reisen, im Saal des heruntergekommenen Gasthauses
Mit diesem Theater im Theater, in dem die herumreisende Truppe „Die lustigen Weiber von Windsor“ aufführt, rettet
Regisseur Didier von Orlowsky die Oper Otto Nicolais. Führt man das arg betuliche Biedermeierstück nach Shakespeares
wohl auch nicht unbedingt stärkster Komödie eins zu eins auf, gehört’s bestenfalls ins Theatermuseum. Es zwanghaft zu
problematisieren, hieße, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Von Orlowsky hat sich bei seiner TfN-Inszenierung
für unbeschwerte, temporeiche Unterhaltung entschieden, ohne in Klamauk zu verfallen. Und so waren es denn vergnügliche
Stunden (genauer: einschließlich Pause 2 Stunden 45 Minuten) im Stadttheater. Unterhaltung, das klingt zunächst harmlos, ist in diesem Fall jedoch sehr durchdacht. Wer will, kann etwa in der Bühne,
die von Orlowsky und Ausstatter Walter Perdacher ersonnen haben, gut und gerne die Bühne des Stadttheaters mit ihrem roten
Vorhang erkennen. Und der Bretterboden zeigt, dass Regisseur und Ausstatter sich von der Commedia dell’Arte haben inspirieren
lassen, aber sie haben sich ebenso mit Goldoni auseinandergesetzt. Wo das Stück spielt, zeigt Perdacher unmissverständlich
durch die Kulisse von Windsor Castle. Und was sind Synonyme fürs bürgerliche Idyll? Richtig, Geranien und das unvermeidliche
Sofa. Die Geschichte um Sir John Falstaff, der sich an gleich zwei Bürgerfrauen heranmacht, an die kesse Frau Fluth und an die
auch schon mal einen Kittel tragende Frau Reich, hat bei von Orlowsky Witz und Tempo. Die beiden Frauen wollen Falstaff
bestrafen und zugleich Herrn Fluth von seiner Eifersucht kurieren. Quasi nebenbei heiratet die Jungfer Anna Reich weder
Junker Spärlich noch Dr. Cajus, die ihr eigentlich zugedacht waren, sondern ihren geliebten Fenton. Hätte das alles nur
Witz und Tempo, wäre das schon viel, von Orlowsky inszeniert es jedoch, und das ist das Wichtigste, mit großer Leichtigkeit. Ernst Garstenauer – zuletzt am TfN in Verdis „Rigoletto“ ein überlegener Auftragsmörder Sparafucile, der keine Wünsche
offen ließ – zeigte sich als Sir John Falstaff von einer den Hildesheimern bisher eher unbekannten Seite: als begnadeter
Komödiant. Sein Bass ist nie polternd, dazu führt er seine prachtvolle Stimme viel zu klug. Dank Garstenauers
Charakterisierungskunst ist Falstaff keine lächerliche Figur, vielmehr demonstriert Garstenauer, wie in dieser Figur
Lächerlichkeit und Tragik nicht weit voneinander entfernt sind. Gabriele Bühner-Walther ist eine Frau Fluth von großer Ausstrahlung, und wie sie ihre Koloraturen mühelos bewältigt,
das versetzte Martin Büto und Charly Wiemann als Bühnentechniker in Erstaunen, das Publikum in Entzücken: Der Laie staunt,
und der Fachmann wundert sich … Frau Reich (Patrizia Herborn) hat’s bei einer solchen Nachbarin nicht leicht, sich zu
profilieren, gleichwohl gab sie dieser Figur ihr eigenes Gepräge. Uwe Tobias Hieronimi fühlte sich als Herr Fluth sicht-
und hörbar wohl, und Piet Bruninx bewies seine Wandlungsfähigkeit gleich in mehreren Rollen, etwa als verschlagener
Herr Reich, der seine Tochter schon an den seiner Meinung nach richtigen Mann bringen wird, und als ein mit allen Wassern
gewaschener Theaterdirektor. Die Jungfer Anna Reich ist mit Antonia Radneva bestens besetzt: Durch ihre vorzügliche Gestaltung wertet sie die Rolle auf,
sie verbindet Liebreiz und Anmut mit herausragendem Können. Jan Novotny (Fenton) musste sich erst freisingen und ließ dann
hören, wie unangestrengt seine Höhe sein kann. Pointiert und ohne in Albernheiten zu verfallen Stephan Freiberger als
französelnder Dr. Cajus und Jan Kristof Schliep als lispelnder Junker Spärlich. Die Choreinstudierung lag in den
bewährten Händen von Achim Falkenhausen.
Nicolais Oper Das Orchester erwies sich abermals als versiert und klangschön. Und es hat in seinen Reihen hervorragende Solisten,
wie – um nur einen Namen zu nennen – etwa Konzertmeister Mariusz Januszkiewicz unter Beweis stellte. Das Premierenpublikum fühlte sich von den „Lustigen Weibern“ glänzend unterhalten, dankte mit Beifallsstürmen und
Bravorufen. Die waren auch verdient. Andreas Bode in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung
vom 3. März 2008 über:Der Laie staunt, und der Fachmann wundert sich
Wie Didier von Orlowsky Otto Nicolais Oper
Die lustigen Weiber von Windsor
rettete / Gelungener Einstand von Wolfgang WengenrothZum Hosenbandorden
spielen. Ein Schelm, wer dabei ans
Theater für Niedersachsen (TfN) denkt. Ähnlichkeiten sind selbstverständlich rein zufällig.Die lustigen Weiber von Windsor
ist die erste eigene TfN-Produktion des jungen Dirigenten Wolfgang
Wengenroth. Was er ablieferte, hatte Format. Wengenroth setzt deutliche Akzente, er besitzt Temperament, aber ebenso Sinn
für romantisches Schwelgen. Kleine Unstimmigkeiten zwischen Orchestergraben und Bühne sowie in der Dynamik waren nicht
gravierend und werden schon bei der nächsten Vorstellung behoben sein. Jedenfalls machte Wengenroths Dirigat Lust auf
weitere Opern unter seiner Leitung.
O. Nicolai: Die lustigen Weiber von Windsor
am 1. März 2008 im TfN • Theater für Niedersachsen
(Hildesheim)