Jan Kristof Schliep - Tenor

Presse

Der Laie staunt, und der Fachmann wundert sich

Wie Didier von Orlowsky Otto Nicolais Oper Die lustigen Weiber von Windsor rettete / Gelungener Einstand von Wolfgang Wengenroth

Theaterleute haben’s auch nicht immer leicht. Über Land müssen sie reisen, im Saal des heruntergekommenen Gasthauses Zum Hosenbandorden spielen. Ein Schelm, wer dabei ans Theater für Niedersachsen (TfN) denkt. Ähnlichkeiten sind selbstverständlich rein zufällig.

Mit diesem Theater im Theater, in dem die herumreisende Truppe „Die lustigen Weiber von Windsor“ aufführt, rettet Regisseur Didier von Orlowsky die Oper Otto Nicolais. Führt man das arg betuliche Biedermeierstück nach Shakespeares wohl auch nicht unbedingt stärkster Komödie eins zu eins auf, gehört’s bestenfalls ins Theatermuseum. Es zwanghaft zu problematisieren, hieße, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Von Orlowsky hat sich bei seiner TfN-Inszenierung für unbeschwerte, temporeiche Unterhaltung entschieden, ohne in Klamauk zu verfallen. Und so waren es denn vergnügliche Stunden (genauer: einschließlich Pause 2 Stunden 45 Minuten) im Stadttheater.

Unterhaltung, das klingt zunächst harmlos, ist in diesem Fall jedoch sehr durchdacht. Wer will, kann etwa in der Bühne, die von Orlowsky und Ausstatter Walter Perdacher ersonnen haben, gut und gerne die Bühne des Stadttheaters mit ihrem roten Vorhang erkennen. Und der Bretterboden zeigt, dass Regisseur und Ausstatter sich von der Commedia dell’Arte haben inspirieren lassen, aber sie haben sich ebenso mit Goldoni auseinandergesetzt. Wo das Stück spielt, zeigt Perdacher unmissverständlich durch die Kulisse von Windsor Castle. Und was sind Synonyme fürs bürgerliche Idyll? Richtig, Geranien und das unvermeidliche Sofa.

Die Geschichte um Sir John Falstaff, der sich an gleich zwei Bürgerfrauen heranmacht, an die kesse Frau Fluth und an die auch schon mal einen Kittel tragende Frau Reich, hat bei von Orlowsky Witz und Tempo. Die beiden Frauen wollen Falstaff bestrafen und zugleich Herrn Fluth von seiner Eifersucht kurieren. Quasi nebenbei heiratet die Jungfer Anna Reich weder Junker Spärlich noch Dr. Cajus, die ihr eigentlich zugedacht waren, sondern ihren geliebten Fenton. Hätte das alles nur Witz und Tempo, wäre das schon viel, von Orlowsky inszeniert es jedoch, und das ist das Wichtigste, mit großer Leichtigkeit.

Ernst Garstenauer – zuletzt am TfN in Verdis „Rigoletto“ ein überlegener Auftragsmörder Sparafucile, der keine Wünsche offen ließ – zeigte sich als Sir John Falstaff von einer den Hildesheimern bisher eher unbekannten Seite: als begnadeter Komödiant. Sein Bass ist nie polternd, dazu führt er seine prachtvolle Stimme viel zu klug. Dank Garstenauers Charakterisierungskunst ist Falstaff keine lächerliche Figur, vielmehr demonstriert Garstenauer, wie in dieser Figur Lächerlichkeit und Tragik nicht weit voneinander entfernt sind.

Gabriele Bühner-Walther ist eine Frau Fluth von großer Ausstrahlung, und wie sie ihre Koloraturen mühelos bewältigt, das versetzte Martin Büto und Charly Wiemann als Bühnentechniker in Erstaunen, das Publikum in Entzücken: Der Laie staunt, und der Fachmann wundert sich … Frau Reich (Patrizia Herborn) hat’s bei einer solchen Nachbarin nicht leicht, sich zu profilieren, gleichwohl gab sie dieser Figur ihr eigenes Gepräge. Uwe Tobias Hieronimi fühlte sich als Herr Fluth sicht- und hörbar wohl, und Piet Bruninx bewies seine Wandlungsfähigkeit gleich in mehreren Rollen, etwa als verschlagener Herr Reich, der seine Tochter schon an den seiner Meinung nach richtigen Mann bringen wird, und als ein mit allen Wassern gewaschener Theaterdirektor.

Die Jungfer Anna Reich ist mit Antonia Radneva bestens besetzt: Durch ihre vorzügliche Gestaltung wertet sie die Rolle auf, sie verbindet Liebreiz und Anmut mit herausragendem Können. Jan Novotny (Fenton) musste sich erst freisingen und ließ dann hören, wie unangestrengt seine Höhe sein kann. Pointiert und ohne in Albernheiten zu verfallen Stephan Freiberger als französelnder Dr. Cajus und Jan Kristof Schliep als lispelnder Junker Spärlich. Die Choreinstudierung lag in den bewährten Händen von Achim Falkenhausen.

Nicolais Oper Die lustigen Weiber von Windsor ist die erste eigene TfN-Produktion des jungen Dirigenten Wolfgang Wengenroth. Was er ablieferte, hatte Format. Wengenroth setzt deutliche Akzente, er besitzt Temperament, aber ebenso Sinn für romantisches Schwelgen. Kleine Unstimmigkeiten zwischen Orchestergraben und Bühne sowie in der Dynamik waren nicht gravierend und werden schon bei der nächsten Vorstellung behoben sein. Jedenfalls machte Wengenroths Dirigat Lust auf weitere Opern unter seiner Leitung.

Das Orchester erwies sich abermals als versiert und klangschön. Und es hat in seinen Reihen hervorragende Solisten, wie – um nur einen Namen zu nennen – etwa Konzertmeister Mariusz Januszkiewicz unter Beweis stellte.

Das Premierenpublikum fühlte sich von den „Lustigen Weibern“ glänzend unterhalten, dankte mit Beifallsstürmen und Bravorufen. Die waren auch verdient.

Andreas Bode in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung vom 3. März 2008 über:
O. Nicolai: Die lustigen Weiber von Windsor am 1. März 2008 im TfN • Theater für Niedersachsen (Hildesheim)


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