Figaro kommt im Blaumann, seine Susanna trägt Jeansrock, und der allseits verliebte Page Chrubino springt als Michael Jackson mit Gitarre durchs
Schloss. Aber wenn der moderne Graf das Recht der ersten Nacht mit künftigen Bräuten wieder ausüben will, setzt er sich die Perücke auf den Kopf. Bruno Berger-Gorski hat Mozarts heitere Oper Oder wenn schon Risse in den barocken Wänden des Schlosses zu erkennen sind und später im Gartenbild Bäume ihre Zweige da hindurchgestoßen haben.
Beaumarchais' revolutionsfreundliche Vorlage und Figaros fordernder Slogan, er würde dem Grafen schon aufspielen, wenn der Streit suche, würde so
eine gesellschaftliche Zuspitzung hergeben. Und dann hätte auch der geheimnisvoll umherstreifende Sicherheitsdienst seinen Sinn. Immerhin erleben wir in Hildesheim ein modernes Grafenpaar mit Eheproblemen, aber Geld im Safe, um den willfährigen Richter zu bestechen.
Letzlich haben aber die Dienstboten als Menschen der Praxis das Haus im Griff und heilen den Grafen von seinen reaktionären Liebes-Gelüsten.
Susanna weiß sich ihm zu entziehen und ihn vor der Gräfin schuldig zu machen. Absolutismus war früher! Die hochgewachsene Fabienne Keppler als Susanna dürfte sich spielerisch noch etwas geschmeidigen, gefällt aber mit schön farbenreichem Sopran
in der Rosen-Arie. Ein wendiger Pracht-Figaro mit sattem Ton ist Roman Tsotsalas. Antonia Radneva singt mit schlankem Sopran die Gräfin, Verena
Usemann recht forsch den Cherubino, und Jan Kristof Schliep überzeugt mit geschmeidigem Tenor als voyeuristischer Kleriker Basilio. Den Grafen
gibt Bariton Timothy Sharp charmant in Erscheinung und Stimme. Dazu feuert Achim Falkenhausendas gut disponierte Orchester zu frisch pulsierendem
Spiel an. Andreas Berger in der Braunschweiger Zeitung
vom 4. Februar 2010 über: Nach dem erfolgreichen Start mit Richard Wagners Meistersingern hat das Stadttheater Hildesheim zu seinem 100. Geburtstag für die zweite
Premiere der Jubiläumssaison gleich zum nächsten großen, klassischen Werk des Repertoires gegriffen – Mozarts Nozze di Figaro. Allein der
räumlichen Bedingungen wegen erwies sich das als gute Entscheidung. Der vergleichsweise kleine Zuschauerraum bietet ohnehin schon einen besseren
Rahmen für Mozarts Komödie als manch anderes große Haus, und der angehobene Orchestergraben sorgte zudem für eine vorbildliche Abstimmung
zwischen Bühne und Graben. Regisseur Bruno Berger-Gorski erzählt die Geschichte gerade heraus, mit manchmal allzu konventioneller Personenführung. Von seinem
Bühnenbildner Daniel Dvorák hat er sich einen stilisierten Rokoko-Saal bauen lassen, der die vier Akte über als Rahmen bleibt. Die Kostüme
(Steffen Lebjedzinski) entstammen dagegen unserer Zeit, werden nur, je mehr sich die Geschichte ihrer finalen Zuspitzung nähert, immer mal
wieder gegen ebenso stilisierte Rokoko-Gewänder nebst passender Perücken eingetauscht. Dieses Spiel zwischen den Zeiten, die Abgrenzung der
So schade es um diese Schwachstellen war, so fielen sie dennoch nicht allzu schwer ins Gewicht. Denn Hildesheim hat einmal mehr ein Ensemble
von hohem stimmlichem Niveau aufgeboten. Antonia Radneva gab mit ihrem weichen und dunkel timbrierten Sopran, der durchaus schon über
dramatische Durchschlagskraft verfügt, eine angemessen aristokratische, dabei sehr sensible Gräfin. Ihr zur Seite bot Stephanie Elliott mit
ihrem leichten, klaren und hell timbrierten Sopran einen bestens abgestimmten vokalen Gegensatz, gab ein keckes Rollenporträt einer
selbstbewussten jungen Frau, die die Fäden in der Hand zu halten weiß. Verena Usemann als Cherubino fiel in ihrem Kostüm als Reinkarnation
Michael Jacksons ein wenig aus dem Rahmen. Ob dahinter der Gedanke steht, die Hosenrolle als Wesen zwischen den Geschlechtern anzulegen,
als Hermaphrodit gleichsam – in jedem Fall sang Verena Usemann den Pagen mit ihrem klangschönen, üppigen Mezzo ungemein vital und bestätigte
so den guten Eindruck, den sie in den Meistersingern schon in der kleinen Rolle der Magdalene hinterlassen hatte. Timothy Sharp ist schon optisch ein wunderbar blasierter Graf, der verstehen macht, warum ihm die Frauen zu Füßen liegen, Stimmlich läuft er
im Lauf des Abends zu immer größerer Form auf, singt wunderbar seine von Selbstzweifeln geprägte Arie im dritten Akt. Roman Tsotsalas geht
dagegen mit teilweise etwas zu viel Vorsicht durch die Partie des Figaro. Geschmackssache ist, ob die Partie wie hier mit einem Bariton besetzt
werden sollte, der sich in Klang und Farbe der Stimme nicht wesentlich vom Grafen absetzt, oder doch eher mit einem ausgesprochenen Bass. Das übrige Ensemble wird kompetent und spielfreudig ergänzt durch allen voran Ernst Garstenauer als Bartolo und Jan-Kristof Schliep als
Basilio, aber auch von Doreen de Feis als Marcellina, Michael Farbacher als Antonio, Franziska Ringe als Barbarina und Klaus-Dieter Jüngling
als Don Curzio. Werner Seitzer hatte sein Orchester in der Ouvertüre noch nicht bestens im Griff, einige Wackler in Intonation und Einsätzen trübten den
Eindruck da noch. Abgesehen von kleinen Unstimmigkeiten im weiteren Verlauf des Abends hielt Seitzer dann aber die Fäden sicher und souverän
in der Hand, entlockte seinen Musikern teilweise sehr schöne Instrumentalsoli, die ausgewogene Balance zwischen Musikern und Sängern hatte er
gewohnt sicher im Griff. Das Publikum feierte vor allem die Solisten und Werner Seitzer mit großem Beifall, das Regieteam wurde ebenso freundlich empfangen. Christian Schütte auf Opernnetz.de
vom Dezember 2009 über:Moderne Zeiten im Schloss
Mozarts Oper
Die Hochzeit des Figaro
in ästhetischen Bildern in HildesheimDie Hochzeit des Figaro
für das Hildesheimer Stadttheater mit ein paar zeitgemäßen Kostümen
versehen, aber darin erzählt er die Geschichte in gewohntem und gut mitvollziehbarem Verlauf und sehr ästhetischen Bildern. Ja, man möchte ihm
manchmal etwas mehr Mut wünschen, gute Ideen wirklich durchzuführen. Wenn etwa am Anfang in einer Filmüberblendung historisch kostümierte
Aristokraten den Grafen zu bedrängen scheinen wie graue Ahnen.
W. A. Mozart Die Hochzeit des Figaro
im TfN • Theater für Niedersachsen
(Hildesheim)
Spiel zwischen den Zeiten
jungen wilden
Figaro und Susanna von Graf und Gräfin kann so sicher funktionieren. Leider geht das hier nur bedingt auf, was sicherlich
am größten Manko der Aufführung liegt. Hildesheim hatte in der Vergangenheit durchaus italienisches Repertoire in Originalsprache gebracht,
warum jetzt die Entscheidung für die sprachlich recht veraltete deutsche Übersetzung von Peter Brenner fiel, vermag nicht recht einzuleuchten.
Diese Sprache ist denkbar weit weg von uns heute, auch trotz behutsamer Aktualisierungen. Vor allem aber wirkt sie gerade in den Rezitativen
allzu hölzern und verhindert das hier so elementare locker-leichte Parlando. Obendrein wurden die Rezitative von einem Klavier, nicht von Cembalo
oder Hammerklavier begleitet. Ob das eine Entscheidung im Sinne der Aktualisierung des Stoffes war, sei dahingestellt, musikalisch geht dieses
Konzept jedenfalls nur sehr bedingt auf, steht das Klavier doch viel mehr im Vordergrund als das Cembalo.
W. A. Mozart Die Hochzeit des Figaro
am 19. Dezember 2009 im TfN • Theater für Niedersachsen
(Hildesheim)