Jan Kristof Schliep - Tenor

Presse

Traumes-Wirren im mährischen Wald

Leoš Janácek Oper Das schlaue Füchslein hatte als Produktion des Theaters für Niedersachsen im Stadttheater Premiere

Dass Tiere immer Auflage oder Quote bringen, ist keine Erkenntnis heutiger Medienschaffender. Das wusste schon 1920 Arnost Heinrich, der Chefredakteur der Brünner Tageszeitung Lidové noviny. Heinrich kaufte von dem Maler und Jäger Stanislav Lolek Zeichnungen mit Episoden aus dem Leben eines Füchsleins. Der Reporter Rudolf Tesnohlídek wurde dazu verdonnert, einen Text zu den Zeichnungen zu schreiben. Tesnohlídek hatte dazu überhaupt keine Lust, ging aber dann doch in den Wald zu den Holzschlägern, um zu hören, wie die sprechen. Womit er, ohne es zu wissen, genauso arbeitete wie der Komponist Leoš Janácek, für dessen Kompositionsweise die Melodie des gesprochenen Wortes geradezu kennzeichnend ist.

Die Bildergeschichte in der Unterhaltungsbeilage der Zeitung wurde ein Riesenerfolg, und Janácek war von dem Stoff so begeistert, dass er eine Oper daraus machte, die 1924 am Theater Brünn uraufgeführt wurde.

Was in Zeitungen oder Fernsehen als Erfolgsgarant gilt – Geschichten über Tiere –, kann auf der Bühne albern oder im schlimmsten Fall peinlich sein. Kann, muss aber nicht. Und ist es ganz und gar nicht in Johannes Reitmeiers und Urs Häberlis Inszenierung der Oper Das schlaue Füchslein, die als Produktion des Theaters für Niedersachsen (TfN) am Sonnabend im Stadttheater Premiere hatte.

Reitmeiers und Häberlis Inszenierung ist gelungen, weil die beiden Regisseure tierische Verhaltensweisen nicht naturalistisch auf die Bühne bringen, sondern quasi als – bisweilen liebevoll ironisches – Zitat. Sei es das Picken der Hühner oder die Pfotenhaltung des Füchsleins (wie sich Menschen eben die Pfotenhaltung eines Füchsleins vorstellen). Das sind unaufdringliche, aber gerade deswegen umso stärker charakterisierende Details, bei den Tieren wie bei den Menschen. Wenn der Schulmeister (Jan Kristof Schliep ist als Sänger wie als Darsteller des Schulmeisters und des Dackels gleichermaßen überzeugend) etwa im Wirtshaus mit sich selber Schach spielt und das Schachbrett herumdreht, weil nun der Partner am Zuge wäre, der Partner aber nicht vorhanden ist, so sagt das unendlich viel über die Einsamkeit des Schulmeisters. Weil Reitmeier und Häberli Menschen und Tiere gleichermaßen ernst nehmen, fällt ihnen die Oper nicht in einen menschlichen und einen tierischen Teil auseinander. Vielmehr schärfen sie den Blick dafür, dass beide, Mensch und Tier, der Natur angehören. Und dass beide dem Kreislauf des Lebens unterworfen sind. Folglich wird im Janáceks Oper auch gestorben: Der Landstreicher Haraschta (gewitzt: Uwe Tobias Hieronimi) erschießt das Füchslein Schlaukopf. Aber es ist ein unpathetischer Tod, für Opernverhältnisse zumal. Die Musik schweigt für eine kurze Zeit – dann geht’s weiter.

Der Förster (Ernst Garstenauer ist für diese Rolle die Idealbesetzung, er paart Natürlichkeit mit Intelligenz und hoher Gesangskunst) hatte das Füchslein mit nach Hause genommen, nicht zur Freude der Försterin (mit wohlklingendem Alt: Verena Usemann, die auch die Eule sang). Doch dem Tier gelingt die Flucht in den Wald. Im zweiten Akt sehen die Zuschauer zum einen Förster, Schulmeister und Pfarrer (trefflich wie auch als Dachs: Piet Bruninx) im Wirtshaus, zum anderen begegnet das Füchslein, das ja eine Füchsin ist, dem Fuchs ihres Lebens. Wie Milena Georgieva in der Titelrolle und Antonia Radneva als Fuchs – beide Sopranistinnen singen mit großer musikalischer Ausdruckskraft – den Dialog der beiden, die schließlich ein Paar werden, gestalten, wird zu einem innigen musikalischen Höhepunkt des einschließlich Pause gut zweistündigen Abends. Nach dem Tod des Füchsleins beginnt’s quasi von vorn: Der Förster begegnet im Wald einem jungen Fuchs …

Das Orchester des TfN unter der Leitung von Werner Seitzer – der übrigens eine sprachlich ausgefeilte neue deutsche Fassung des Textes erstellt hat – lässt nichts von den Schwierigkeiten der Partitur mit ihren diffizilen Rhythmen erahnen, wunderschön gelingen die Klangfarben. Achim Falkenhausen hat Chor und Kinderchor mit gewohnter Musikalität vorbereitet.

Oper ist nicht nur was fürs Ohr, sondern auch fürs Auge. Hannes Neumaiers Bühne besticht durch Liebe zum Detail. Es kann gar nicht anders sein, als dass Eier die Wand des Hühnerstalls und Biergläser die des Wirtshauses zieren. Und was er sich – im Verein mit Chefmaskenbildnerin Carmen Bartsch-Klute – für die Kostüme besonders der Tiere hat einfallen lassen, ist gewiss das Fantasievollste, das Schönste seit Langem im Stadttheater. Dass die Waldtiere vorwiegend aus Materialien gestaltet sind, die aus dem Wald stammen, Haustiere aus allen möglichen Stoffen, die sich im Haushalt auftreiben lassen, verleiht der Inszenierung eine zauberhafte Atmosphäre. Jede einzelne Figur ist ein Blickfang, die Summe aller ein ästhetischer Glücksfall. Traumes-Wirren im mährischen Wald …

Am Ende einhellige Begeisterung. Wer Janáceks Oper Das schlaue Füchslein im Stadttheater gesehen und gehört hat – es muss ja nicht nur einmal sein –, liebt sie.

Andreas Bode in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung vom 27. April 2009 über:
L. Janácek: Das schlaue Füchslein am 25. April 2009 im TfN • Theater für Niedersachsen (Hildesheim)


Stimmig

Trotz des verhältnismäßig großen Aufwandes an Darstellern und Ausstattung wird Janáceks Das schlaue Füchslein gerade an kleineren Theatern gern aufgeführt, kann es doch gelingen, mit wenig Mitteln stimmige Atmosphäre zu verbreiten

Dies geschah beeindruckend in Koproduktion mit dem Pfalztheater Kaiserslautern am Theater für Niedersachsen. Die auch musikalisch anspruchsvolle Oper wurde vom spielfreudigen Ensemble, Chor und Kinderchor (Achim Falkenhausen), Statisterie und dem den hohen Anforderungen meistens gerecht werdenden Orchester unter dem souveränen Werner Seitzer mehr als nur angemessen präsentiert. Die Regisseure aus Kaiserslautern Johannes Reitmeier und Urs Häberli hatten mit viel Phantasie deutlich gemacht, dass es Janácek auf mehr ankam, als nur die Natur darzustellen, sondern Menschen und Tiere als Teil des Ganzen und des ewigen Kreislaufs miteinander zu verweben. Ganz wesentlich für den Erfolg der atmosphärereichen Neuinszenierung war die detailverliebte Ausstattung von Hannes Neumaier.

Insgesamt beachtlich waren die sängerischen Leistungen: Da gefiel der flexible Sopran von Milena Georgieva als pfiffige, sympathische Füchsin Schlaukopf; ihr äußerlich und stimmlich sehr ähnlich war der Fuchs von Antonia Radneva. Die dankbare Rolle des Försters lag in den bewährten Händen von Ernst Garstenauer, dessen Bass allerdings einige Probleme mit den Höhen der Partie hatte. Stimmkräftig trumpfte Uwe Tobias Hieronimi als Wilddieb Haraschta auf; der grummelnde Dach/Pfarrer war Piet Bruninx. Ein gestalterisches Kabinettstückchen lieferte Jan Kristof Schliep als angesäuselter Schulmeister ab; sein charaktervoller Tenor passte gut dazu und zum Dackel. Wieder einmal ist dem Theater in Hildesheim eine erfreuliche Inszenierung gelungen, die ihre Besucher finden wird.

Gerhard Eckels im Orpheus Oper international 7+8 2009 über:
L. Janácek: Das schlaue Füchslein im TfN • Theater für Niedersachsen (Hildesheim)


Jan Kristof Schliep: mail@kristof-schliep.de

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