Dass Tiere immer Auflage oder Quote bringen, ist keine Erkenntnis heutiger Medienschaffender. Das wusste schon 1920 Arnost Heinrich, der
Chefredakteur der Brünner Tageszeitung Die Bildergeschichte in der Unterhaltungsbeilage der Zeitung wurde ein Riesenerfolg, und Janácek war von dem Stoff so begeistert, dass er eine
Oper daraus machte, die 1924 am Theater Brünn uraufgeführt wurde. Was in Zeitungen oder Fernsehen als Erfolgsgarant gilt – Geschichten über Tiere –, kann auf der Bühne albern oder im schlimmsten Fall peinlich
sein. Kann, muss aber nicht. Und ist es ganz und gar nicht in Johannes Reitmeiers und Urs Häberlis Inszenierung der Oper Reitmeiers und Häberlis Inszenierung ist gelungen, weil die beiden Regisseure tierische Verhaltensweisen nicht naturalistisch auf die
Bühne bringen, sondern quasi als – bisweilen liebevoll ironisches – Zitat. Sei es das Picken der Hühner oder die Pfotenhaltung des Füchsleins
(wie sich Menschen eben die Pfotenhaltung eines Füchsleins vorstellen). Das sind unaufdringliche, aber gerade deswegen umso stärker
charakterisierende Details, bei den Tieren wie bei den Menschen. Wenn der Schulmeister (Jan Kristof Schliep ist als Sänger wie als
Darsteller des Schulmeisters und des Dackels gleichermaßen überzeugend) etwa im Wirtshaus mit sich selber Schach spielt und das Schachbrett
herumdreht, weil nun der Partner am Zuge wäre, der Partner aber nicht vorhanden ist, so sagt das unendlich viel über die Einsamkeit des
Schulmeisters. Weil Reitmeier und Häberli Menschen und Tiere gleichermaßen ernst nehmen, fällt ihnen die Oper nicht in einen menschlichen und
einen tierischen Teil auseinander. Vielmehr schärfen sie den Blick dafür, dass beide, Mensch und Tier, der Natur angehören. Und dass beide dem
Kreislauf des Lebens unterworfen sind. Folglich wird im Janáceks Oper auch gestorben: Der Landstreicher Haraschta (gewitzt: Uwe Tobias Hieronimi)
erschießt das Füchslein Schlaukopf. Aber es ist ein unpathetischer Tod, für Opernverhältnisse zumal. Die Musik schweigt für eine kurze Zeit – dann
geht’s weiter. Der Förster (Ernst Garstenauer ist für diese Rolle die Idealbesetzung, er paart Natürlichkeit mit Intelligenz und hoher Gesangskunst) hatte das
Füchslein mit nach Hause genommen, nicht zur Freude der Försterin (mit wohlklingendem Alt: Verena Usemann, die auch die Eule sang). Doch dem Tier
gelingt die Flucht in den Wald. Im zweiten Akt sehen die Zuschauer zum einen Förster, Schulmeister und Pfarrer (trefflich wie auch als Dachs: Piet
Bruninx) im Wirtshaus, zum anderen begegnet das Füchslein, das ja eine Füchsin ist, dem Fuchs ihres Lebens. Wie Milena Georgieva in der Titelrolle
und Antonia Radneva als Fuchs – beide Sopranistinnen singen mit großer musikalischer Ausdruckskraft – den Dialog der beiden, die schließlich ein
Paar werden, gestalten, wird zu einem innigen musikalischen Höhepunkt des einschließlich Pause gut zweistündigen Abends. Nach dem Tod des
Füchsleins beginnt’s quasi von vorn: Der Förster begegnet im Wald einem jungen Fuchs … Das Orchester des TfN unter der Leitung von Werner Seitzer – der übrigens eine sprachlich ausgefeilte neue deutsche Fassung des Textes erstellt
hat – lässt nichts von den Schwierigkeiten der Partitur mit ihren diffizilen Rhythmen erahnen, wunderschön gelingen die Klangfarben. Achim
Falkenhausen hat Chor und Kinderchor mit gewohnter Musikalität vorbereitet. Oper ist nicht nur was fürs Ohr, sondern auch fürs Auge. Hannes Neumaiers Bühne besticht durch Liebe zum Detail. Es kann gar nicht anders sein,
als dass Eier die Wand des Hühnerstalls und Biergläser die des Wirtshauses zieren. Und was er sich – im Verein mit Chefmaskenbildnerin Carmen
Bartsch-Klute – für die Kostüme besonders der Tiere hat einfallen lassen, ist gewiss das Fantasievollste, das Schönste seit Langem im
Stadttheater. Dass die Waldtiere vorwiegend aus Materialien gestaltet sind, die aus dem Wald stammen, Haustiere aus allen möglichen Stoffen,
die sich im Haushalt auftreiben lassen, verleiht der Inszenierung eine zauberhafte Atmosphäre. Jede einzelne Figur ist ein Blickfang, die Summe
aller ein ästhetischer Glücksfall. Traumes-Wirren im mährischen Wald … Am Ende einhellige Begeisterung. Wer Janáceks Oper Andreas Bode in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung
vom 27. April 2009 über: Trotz des verhältnismäßig großen Aufwandes an Darstellern und Ausstattung wird Janáceks Dies geschah beeindruckend in Koproduktion mit dem Pfalztheater Kaiserslautern am Theater für Niedersachsen. Die auch musikalisch anspruchsvolle
Oper wurde vom spielfreudigen Ensemble, Chor und Kinderchor (Achim Falkenhausen), Statisterie und dem den hohen Anforderungen meistens gerecht
werdenden Orchester unter dem souveränen Werner Seitzer mehr als nur angemessen präsentiert. Die Regisseure aus Kaiserslautern Johannes Reitmeier
und Urs Häberli hatten mit viel Phantasie deutlich gemacht, dass es Janácek auf mehr ankam, als nur die Natur darzustellen, sondern Menschen und
Tiere als Teil des Ganzen und des ewigen Kreislaufs miteinander zu verweben. Ganz wesentlich für den Erfolg der atmosphärereichen Neuinszenierung
war die detailverliebte Ausstattung von Hannes Neumaier. Insgesamt beachtlich waren die sängerischen Leistungen: Da gefiel der flexible Sopran von
Milena Georgieva als pfiffige, sympathische Füchsin Schlaukopf; ihr äußerlich und stimmlich sehr ähnlich war der Fuchs von Antonia Radneva. Die
dankbare Rolle des Försters lag in den bewährten Händen von Ernst Garstenauer, dessen Bass allerdings einige Probleme mit den Höhen der Partie hatte.
Stimmkräftig trumpfte Uwe Tobias Hieronimi als Wilddieb Haraschta auf; der grummelnde Dach/Pfarrer war Piet Bruninx. Ein gestalterisches
Kabinettstückchen lieferte Jan Kristof Schliep als angesäuselter Schulmeister ab; sein charaktervoller Tenor passte gut dazu und zum Dackel.
Wieder einmal ist dem Theater in Hildesheim eine erfreuliche Inszenierung gelungen, die ihre Besucher finden wird. Gerhard Eckels im Orpheus Oper international 7+8 2009 über:Traumes-Wirren im mährischen Wald
Leoš Janácek Oper
Das schlaue Füchslein
hatte als Produktion des Theaters für Niedersachsen im Stadttheater Premiere
Lidové noviny
. Heinrich kaufte von dem Maler und Jäger Stanislav Lolek Zeichnungen mit Episoden aus
dem Leben eines Füchsleins. Der Reporter Rudolf Tesnohlídek wurde dazu verdonnert, einen Text zu den Zeichnungen zu schreiben. Tesnohlídek hatte
dazu überhaupt keine Lust, ging aber dann doch in den Wald zu den Holzschlägern, um zu hören, wie die sprechen. Womit er, ohne es zu wissen,
genauso arbeitete wie der Komponist Leoš Janácek, für dessen Kompositionsweise die Melodie des gesprochenen Wortes geradezu kennzeichnend ist.Das schlaue Füchslein
,
die als Produktion des Theaters für Niedersachsen (TfN) am Sonnabend im Stadttheater Premiere hatte.Das schlaue Füchslein
im Stadttheater gesehen und gehört hat – es muss ja nicht
nur einmal sein –, liebt sie.
L. Janácek: Das schlaue Füchslein
am 25. April 2009 im TfN • Theater für Niedersachsen
(Hildesheim)
Stimmig
Das schlaue Füchslein
gerade an kleineren Theatern
gern aufgeführt, kann es doch gelingen, mit wenig Mitteln stimmige Atmosphäre zu verbreiten
L. Janácek: Das schlaue Füchslein
im TfN • Theater für Niedersachsen
(Hildesheim)