Wie unser gern auch volkstümlich zupackender und dann wieder poetisch-feinsinniger Intendant Wagners einzige komische Oper inszeniert hätte,
man darf davon träumen. Wolfgang Gropper hätte die "Meistersinger von Nürnberg" gern zum Abschluss seiner Amtszeit noch gemacht, aber die
musikalische Leitung zog nicht mit. Da heißt es dann ein paar Kilometer fahren, um etwa im kleinen Hildesheimer Stadttheater eine musikalisch hoch bemerkenswerte Aufführung zu
erleben. Werner Seitzer erzielt mit dem aufgestockten Orchester im teils abgedeckten Graben einen sehr prägnanten Klang, weich in den Streichern,
bläsersicher und mit perfekter Textverständlichkeit für die Sänger. Der festlich-feierliche Ton kommt freudig ungebremst, lyrische Dialoge klug
pointiert. Sängerisch kann man Entdeckungen machen: Da ist der tadellose Stolzing des Wolfgang Schwaninger, ein Tenor mit Schmelz und Strahlkraft. Johannes
von Duisburg singt einen farbenreichen Hans Sachs, mit viel lyrischer Schönheit und doch nötiger Durchschlagskraft in den Ansprachen. Dazu kommt
aus dem Hausensemble Isabell Bringmann mit einem blühend schönen Sopran als Eva, der markante Bass des Uwe Tobias Hieronimi als Beckmesser und
Jan Kristof Schlieps geschmeidiger David. Die Inszenierung von Hans-Peter Lehmann, einst Opernintendant in Hannover, wünschte man sich freilich nachdenklicher. Die bösen Sätze gegen
den "welschen Tand" streicht er einfach, dass nichts die deutsche Kunstmeisterschaft trübe. Aber so auf alt geschminkt in historischen Kostümen
und Hildesheimer Fachwerk wirken diese Meistersinger wie aus dem Märchenland, ohne dass Ironie oder Stilisierung das für heute beglaubigen
würden. Szenisch ist da der Ansatz im Staatstheater Kassler, einem Haus Braunschweiger Größe, spannender. Der Italoschweizer Lorenzo Fioroni sieht
Wagners komische Oper mal ganz undeutsch und mehr von Fellini her. Statt Patriziertum und Vereinsmeierei thematisiert er das Aufeinanderprallen
von harter Realität und Poesie. Das beginnt zunächst wenig subtil, wenn zur Ouvertüre im Computerspiel der Palast der Poesie zerstört wird. Doch der zweite Akt ist stark: Die Meistersinger sind Zirkuskünstler und leben in einer Art italienischem Plattenbau, wo man durch die Jalousien
viel mitbekommt vom prallen Leben. Wenn Beckmesser hier im Clownskostüm auf der Straßenlaterne sein Evchen ansingt, biegt Kraftmensch Sachs
einfach den Laternenpfahl um. Die Prügelei wird durch einige Jugendliche brutalisiert, doch die Polizei spürt sie in allen Wohnungen auf.
Allerdings wird auch Sachs, weil er illegal Evchens Geliebten Stolzing verstecken will, verhaftet. So wachen sie folglich nicht in der Schusterstube, sondern in der Gefängniszelle auf und bekommen einen Besuch nach dem anderen. Selten hat
ein Regisseur die Neigungen zwischen Sachs, Stolzing und Eva so sensibel und vielschichtig ausgedeutet wie Fioroni. Die Festwiese wird ein fröhliches Artistentreffen mit Meistersinger-Clowns-Parade, Konfetti und Seifenblasen. Sachs hat sich am Bühnenrand wie
Bajazzo geschminkt und begeht in wissendem Ernst seinen letzten Auftritt. Stolzing und Eva fliehen die Narrenschar, der Vorhang fällt, und
mahnend singt Sachs seinen Appell an deutsche Meisterkunst ins Publikum. Dann kehrt er noch das Licht zusammen, ein trauriger Clown. Wagners
C-Dur klingt in die Dunkelheit, mit den Clowns gehen Kunst, Poesie und Menschlichkeit. Anrührender kann man das kaum inszenieren. Patrik Ringborg am Pult hat es vor allem anfangs nicht leicht, Wagners strahlenden Optimismus mit den Bildern übereinzustimmen, doch er horcht
den Gedankenmonologen fein nach. Als Sachs bringt Stargast Wolfgang Brendel, klug disponierend, ausdruckstarken Bariton und darstellerischen Ernst
ein. Mario Klein, einst Braunschweiger, singt mit reichem Material den Pogner, Espen Fegran charaktervoll den Beckmesser und Sara Eterno mit
fülligem Sopran die Eva. Erin Caves überzeugt mit mühelos prangendem Tenor als Stolzing. Es gibt offenbar wieder Sänger, die auch solche
Kraftpartien schön singen können. Viel Applaus und Bravos, wenige Buhs in Kassel, Ovationen in Hildesheim. Beide Wege lohnen! Andreas Berger in der Braunschweiger Zeitung
vom 15. Februar 2010 über: Zum 100. Jubiläum des von engagierten Bürgern im Und auch sonst wehte ein Hauch des Grünen Hügels über diese Produktion, hatte man doch mit Hans Peter Lehmann einen Regisseur gewinnen können, der einst
als Assistent Wieland Wagners lange am Hügel gewirkt hatte. Die postromantische Bilderwelt von Hannes Neumeier in Bühnenbild und Kostümen kam etwas altbacken daher, machte aber in Hildesheim durchaus einen Sinn:
Immer wieder wurden bei genauerem Hinsehen Details aus dem dortigen Stadtbild in die Szene integriert, vom Knochenhauseramtshaus bis zur Kirche St.
Michaelis. Nürnberg war hier Hildesheim und zeigte dem Publikum damit sehr plausibel: Werner Seitzer hatte im Graben alle Fäden sicher in der Hand. Die Dynamik war durch den gedeckelten Orchestergraben so perfekt, wie man sie an manchen
größeren Theatern gerne hätte. Und das Orchester des Theaters Hildesheim spielte an diesem Abend geradezu um sein Leben. Es war beeindruckend, mit
welcher fast schon selbstverständlichen Sicherheit sich die Musiker der nicht nur im Blechbläserbereich sehr delikaten Partitur näherten. Achim
Falkenhausen hatte die verschiedenen Chöre perfekt eingestimmt, vor allem auf der Festwiese präsentierten sich diese unterschiedlichen Kollektive
wie aus einem Guss. Im Solistischen hatte man das heimische Ensemble geschickt mit Gästen verstärkt. Als Hans Sachs debütierte Johannes von Duisburg, der nach seiner
Beschäftigung mit dem Wotan nun den konsequenten Schritt zum Sachs gewagt hatte. Während er im ersten Aufzug seine stimmlichen Mittel noch sehr dosiert
einsetzte, steigerte er sich im zweiten enorm, sang einen sehr innigen Fliedermonolog und hatte auch für die Festwiese noch genügend Kraft. Uwe Tobias
Hieronimi aus dem Hildesheimer Ensemble stand ihm als Beckmesser in nichts nach. Stimmlich souverän und flexibel sowie darstellerisch herrlich neurotisch,
machte er die Nöte des sich selbstüberschätzenden Stadtschreibers geradezu erlebbar fürs Publikum. Auch Wolfgang Schwaninger als Stolzing gab ein insgesamt ansprechendes Rollendebut. Sein höhensicherer Tenor ist für den Ritter mitunter aber schon
ein wenig zu stabil. Tenorkollege Jan Kristof Schliep überzeugte als David ebenfalls. Die Stimme kam mit wunderbar lyrischer Leichtigkeit daher. Als Eva zeigte einmal mehr Isabell Bringmann, was ihr lyrischer Sopran zu leisten vermag. Mühelos schwang dieser sich in die Höhe auf und bestach durch
eine wunderbare Pianokultur. In den Ensembles und dem Duett mit Sachs im zweiten Aufzug etwa beeindruckte sie nicht nur mit hervorragender Textverständlichkeit,
sondern auch mit ihrem guten musikalischen Einfühlungsvermögen in ihre Partner. Eine Entdeckung war die Mezzosopranistin Verena Usemann als Magdalena. Die
warme Stimme hat einen wunderbaren Strahl und erinnert in ihrer Textkultur an die junge Brigitte Fassbaender. Ernst Garstenauer war ein bassstarker, knorriger
Pogner, und auch die übrigen Meister waren luxuriös besetzt. Dr. Stefan Mauß in Das Opernglas
vom Dezember 2009 über: Zum 100. Theaterjubiläum sollte es etwas ganz besonderes sein. Am 2. Oktober 1909 hob sich zum ersten Mal der Vorhang im Stadttheater Hildesheim,
genau einhundert Jahre später zum ersten Mal für ein Werk, das auf den ersten Blick so gar nicht zu diesem Theater zu passen scheint –
Die Meistersinger von Nürnberg. Hans-Peter Lehmann, langjähriger Intendant der Staatsoper Hannover und Assistent in Bayreuth, kennt das Werk bis ins Detail. Er ist ein
Regisseur, der die Menschen liebt und die Meistersinger als Einzelne aus dem Ensemble herauszunehmen fällt schwer. Durchweg waren in den großen Partien Rollendebütanten zu erleben, und alle stellten sich
ihren Aufgaben mit beachtlichem Können – Johannes von Duisburg als Hans Sachs, Wolfgang Schwaninger als Walther von Stolzing, Isabell Bringmann
als Eva genauso wie die Ensemblemitglieder des Theater Hildesheim Uwe Tobias Hieronimi als Beckmesser, Ernst Garstenauer als Veit Pogner,
Jan Kristof Schliep als David und Verena Usemann als Magdalene. Jeder für sich entwickelt mit großem stimmlichem Potential seine Figur,
das gilt für die weiteren Meister genauso. Und alle spielen miteinander, als machten sie sonst nichts anderes. Das ist eine beachtliche Qualität
der Aufführung, die in jeder Hinsicht eine Lanze für die Institution des Stadttheaters bricht. Hier wird auf hohem Niveau Theater für die Bürger
der Stadt gemacht. Das Publikum dankten allen für einen großartigen Abend mit minutenlangem Jubel und stehenden Ovationen. Ein denkwürdiges
Ereignis für das Hildesheimer Theater! Christian Schütte auf www.opernnetz.de
am 5. Oktober 2009 über:Hans Sachs als trauriger Clown
Wagners "Meistersinger" in Hildesheim und Kassel, aber Braunschweigs Staatstheater traut sich nicht dran
R. Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg
am 2. Oktober 2009 im TfN • Theater für Niedersachsen
(Hildesheim)
Die Meistersinger von Nürnberg
Nürnberg des Nordens
1909 gegründeten Theaters Hildesheim appelierte man auch ein Jahrhundert
nach der Eröffnung wieder an Bürgersinn und kulturelles Engagement um mit Hilfe unzähliger Helfer auf, vor und hinter der Bühne diese Mammutaufgabe
in dem kleinen, aber feinen Theater in Angriff zu nehmen. Ob Laienchöre, Spilemannszüge oder Statisten: Man warf alle Kräfte in eine Waagschale, bot
sogar einen kostenlosen Massageservice in den Pausen und präsentierte, ganz wie in Bayreuth, die Fanfaren auf dem Theaterbalkon. Zudem hatte man, um
der Problematik einer akustisch befriedigenden Aufführbarkeit eines derartig klangmächtigen Werkes zu begegnen, den Orchestergraben des kleinen Hauses
so abgedeckt, dass er sich nur zur Bühne öffnet - das hatte sich schon im Hildesheimer Tannhäuser
vor einigen Jahren bewährt.Das ist auch euer Stück mit euren Problemen und euren
Möglichkeiten, sie zu lösen und zu überwinden!
Lehmanns Personenregie war wie gewohnt von liebevoller Detailkenntnis der Partitur und von einem untrüglichen
szenischen Instinkt geprägt, was das Publikum auch sofort erreichte. Selten erlebt man, wie spontanes Lachen im Auditorium so eindrücklich daran
erinnert, dass es sich bei den Meistersingern
doch eigentlich um eine Komödie handelt.
R. Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg
am 2. Oktober 2009 im TfN • Theater für Niedersachsen
(Hildesheim)
Respekt!
Vor einhundert Jahren, als Hildesheim noch das 'Nürnberg des Nordens' genannt wurde, eröffnete die Hildesheimer
Bürgerschaft ihr eigenes Theater. Dies erinnert an die Nürnberger Meistersingerzunft, in der Bürger sich neben ihren Berufen für die Kunst
begeisterten, diese auch selbst auf hohem Niveau ausübten und Kunstveranstaltungen für das Volk organisierten. Von diesem Einsatz musikbegeisterter
Städter für die Kunst handelt die Volksoper Die Meistersinger von Nürnberg
, so heißt es in der Erklärung des Theaters und klingt als inhaltliche
Begründung plausibel. Die Größe des Hauses, die personelle Ausstattung – vor allem mit Chor und Orchester – ließen im Vorfeld dennoch Zweifel
aufkommen, ob das Theater Hildesheim dieser großen Aufgabe gewachsen sei. Der Abend zeigte eindrucksvoll, dass das Haus dem gewachsen ist – mit
einer Aufführung, die in sich durch das Zusammenwirken aller Beteiligten im Lauf des Abends eine Geschlossenheit entwickelte, die größten Respekt
verlangt.große Kostbarkeit der Menschlichkeit
würdigt. So entsteht eine Inszenierung,
die mit ihrer Fülle an Einfällen, mit denen Lehmann jede noch so kleine Rolle auf der Bühne gestaltet, bei allen höchstmögliche Spielfreude
aufkommen lässt und eine nicht nachlassende Spannung erzeugt. Lehmann versteht das Ensemble, den Chor, ja selbst die Statisten so hoch zu
motivieren, dass alles wie aus einem Guss und ganz natürlich wirkt. Er ist ganz am Text orientiert und erzählt die Geschichte so, wie sie ist,
gerade heraus und schnörkellos. Dabei entsteht sicherlich keine szenische Umsetzung, die das Werk befragt, hinterfragt, nach neuen Sichtweisen
und Aktualität sucht – so wie auf dem internationalen Opernparkett zu erwarten, sicher auch gewünscht ist. Aber das muss hier auch überhaupt
nicht sein. Die Aufführung besticht durch ihre Nähe zum Publikum, jeder kann verstehen, was auf der Bühne geschieht und bekommt einen
unmittelbaren Zugang dazu. Bühne und Kostüme sind der Zeit angelehnt, in der die Geschichte spielt, um die Mitte des 16. Jahrhunderts.
Dass abseits dieses historischen Rahmens zeitlos gültige, menschliche Dinge auf der Bühne verhandelt werden, das zeigt der Text. Und hier kommt
der große Vorteil des kleinen Hauses zum tragen. Die Textverständlichkeit erreicht den ganzen Abend über eine Qualität, auf die viele Bühnen
wahrlich neidisch sein können. Das liegt natürlich auch am durchweg wunderbaren Ensemble und auch am Orchester des Stadttheaters, das unter der
Leitung seines GMD Werner Seitzer klangschön, transparent und immer mit einem Ohr für die Sänger musiziert.
R. Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg
am 2. Oktober 2009 im TfN • Theater für Niedersachsen
(Hildesheim)