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So kann man sich täuschen. Aber beginnen wir mit dem Anfang. Selbstverständlich inszeniert Volker Vogel Johann Strauß' Operette
Die Geschichte hat ja auch etwas Boulevardeskes: Der Notar Dr. Falke rächt sich am Rentier Gabriel von Eisenstein, weil der ihn nach einem Fest der Lächerlichkeit preisgegeben hat, in dem Eisenstein den sturzbetrunkenen Notar in seinem Fledermauskostüm auf dem Heimweg einfach liegengelassen hatte. Falke läd nun Eisenstein, der zwar verheiratet ist, aber keine Frau auslässt, zu einem Fest des Prinzen Orlowsky ein, um ihn dort seinerseits bloßzustellen. Wie er's - im ersten Akt - einfädelt, wie die Sache - im dritten Akt, der im Gefängnis spielt - ausgeht, das hatte bei Vogel Tempo und Witz, der allerdings arg über die Stränge schlug. Gleichwohl war's dem Stück durchaus angemessen, dessen Handlung ja nun wirklich nicht vor Tiefsinn strotzt. Unbeschwerte Unterhaltung also, unbeschwert umgesetzt. |
Rosalinde (Annabelle Pichler), Eisenstein (Drummond Walker), Dr. Blind (Jan Kristof Schliep), Foto: © Andreas Hartmann |
Wenn Vogel sich damit begnügt hätte, wär's halt ein kurzweiliger Abend geworden - Klamauk kann man mögen oder nicht -, aber eben auch nicht mehr. Das Spannende war jedoch der zweite Akt, bei Vogel weniger ein Souper oder Ball, als vielmehr eine Party beim Prinzen Orlowsky. Ein Anwesen mit Swimmingpool. Und das gibt Ausstatter Dietrich von Grebmer Gelegenheit, die Besucher des Festes mit fantasievollen Kostümen zu schmücken. Schließlich will dor jeder mehr oder zumindest etwas anderes scheinen, als er - oder sie - ist. Wobei die ganze Armseligkeit Eisensteins (mit komödiantischem Talent: Drummond Walker) subtil dadurch Charakterisiert wird, dass der Rentier zu Frackhemd und -hose mit Badelatschen ausgestattet ist.
Es sind ja die Kleinigkeiten, die einnehmen. So ist etwa Eisensteins Frau Rosalinde, die bei dem Fest als maskierte ungarische Gräfin auftritt, in die ungarischen Nationalfarben Rot, Weiß und Grün gekleidet. Sie wird - um zu beweisen, dass sie tatsächlich Ungarin ist - gewissermaßen zum Csárdás genötigt. Und so beginnt denn Annabelle Pichler, die Rosalinde der Hildesheimer Inszenierung des Theaters für Niedersachsen, dieses Bravourstück geradezu tastend, zögernd, als ob Rosalinde der vorgetäuschten Identität nicht traut und Angst hat, dass die Sache auffliegt - schließlich darf nicht einmal ihr Mann sie erkennen.
Für den Prinzen Orlowsky - eine Hosenrolle, sehr kultiviert gestaltet von Verena Usemann - hat sich Vogel eine Lösung einfallen lassen, die auf den ersten Blick verblüfft, dann aber als höchst logisch überzeugt. Vogel vermenschlicht diese sonst immer ziemlich papierne Figur, indem er Orlowsky und Dr. Falke (Roman Tsotsalas singt ihn mit angenehmem Timbre, gewinnt so Sympathien für den Notar) ein Paar sein lässt, Lebenspartner, die - sie sind als Gastgeber nicht verkleidet, tragen Anzug - gelasse und wissende Beobachter des Spiels sind, das vor ihnen abläuft.
Uwe Tobias Hieronimi als Gefängnisdirektor Frank, Jörg Heppe als Gefängnisaufseher Frosch, vor allem aber der vorzüglich artikulierende Jan Kristof Schliep als Advokat Dr. Blind überschreiten bei aller Komik nicht die Grenzen zum Albernen, Jorge Garza ist ein affektierter Gesangslehrer Alfred, Luise Hecht gefiel als Ida. Der Chor ist bei Achim Falkenhausen in den besten Händen.
Die Entdeckung des Abends war Regine Sturm in der Rolle des Stubenmädchens Adele. Wie die junge Sopranistin diese Rolle gestaltete, das hatte Format. Glitzernde Kolloraturen, Portamenti, die bei ihr allerdings nie kitschig wirken: Gelungener hätte das Debüt Regine Sturms am Theater für Niedersachsen nicht ausfallen können.
Auch für den Dirigenten Matthias Wegele war's die erste Produktion in Hildesheim. Und er bewies bei seinem Einstand, dass er die notwendige Sensibilität und Akkuratesse für die Strauß'sche Musik mitbringt: Das Orchester des TfN klang unter Wegeles Leitung sehr charmant.
Die Fledermaus
wäre nur kurzweilig? So kann man sich täuschen. Dank Volker Vogel wissen wir: Das Stück hat's ganz schön in sich. So sehr,
dass einem mitunter der Champagner im Halse stecken bleiben kann.
Andreas Bode in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung vom 15. Februar 2010 über:
J. Strauß: Die Fledermaus
am 13. Feburar 2010 im TfN • Theater für Niedersachsen
(Hildesheim)