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Kinder sagen die Wahrheit. Kaum hatte der König erzählt, seine Tochter habe das Traumfresserchen weggejagt, weil sie es hässlich fand, überlegte
ein Kind im Parkett kurz, dass diese märchenhafte Figur gar so hässlich denn doch nicht sei, kam aber zu dem Schluß: Wo das Kind recht hat, hat es recht. Gleichwohl zeigte der stürmische Schlussapplaus, dass die Titelfigur der Oper |
In einem Kellerraum des Schlosses lebt das Traumfresserchen (Jan Kristof Schliep).
Der Kobold passt auf das Traumkesselchen auf, das ihm Nahrung gibt. |
Der Ungehorsam, das Übertreten des Verbots, hat Folgen: Schlafittchen wird von bösen Träumen geplagt, die Bürger, die Schlafittchen schon lange nicht mehr gesehen haben, wollen gar eine Revolution anzetteln.
Axel Heil hat die Oper am Theater für Niedersachsen (TfN) spannend, witzig und hintergründig inszeniert. Wenn etwa drei Ärzte (Wojtek Mastalerz, Stephan Freiberger und Michael Farbacher) im Schloss auftauchen, um Schlafittchen zu helfen, so ist der Streit der vermeintlichen Koryphaen irrsinnig komisch. Einer der drei mutmaßt, schuld seien die Nerven, und dabei zuckt er nervös. Jedoch nicht - und das ist das Schöne - in einer Hau-Drauf- Manier. Wenn das Mädchen dann Dutzende Tablettenpäckchen bekommt und der König vorschlägt, sie solle am besten alle nehmen, eine werde schon helfen, so führt das herrlich alle fruchtlosen Bemühungen um Kostenreduzierung im Gesundheitswesen ad absurdum.
Ebenso vergnüglich wie die Ärzte sind die drei Sekretärinnen (Agnes Buliga-Contras, Doris Pohl und Tanja Westphal), die ihre Skandalbefürchtungen in die Schreibmaschinen hacken. Wobei gerade die Schreibmaschine eine Reminiszens an vergangene, märchenhafte Zeiten ist: Heutzutage wachsen Kinder mit dem Computer auf ...
Dafür telefoniert der König, der auf der Suche nach einem Zaubermittel gegen die bösen Träume seiner Tochter auf Weltreise gegangen ist, mit - einer Zaubermuschel, schließlich befindet er sich auf hoher See. Mit einer Zaubermuschel? Na ja, heute sagen die Menschen wohl Handy dazu ...
Piet Bruninx singt den König majestätisch mit volltönendem Bass, Dorothe Schlemm ist eine wohlklingende Königin von Schlummerland. Antonia Radneva gestaltet das Mädchen Schlafittchen mit makelloser Stimme.
Bei Königs zu Hause sieht es ganz schön plüschig aus: Steffen Lebjedzinski ist ein märchenhaftes Bühnenbild gelungen, das sich zauberhaft rasch - die Beleuchtung tut das ihre - verwandeln lässt: in den unheimlichen Kellerraum, in dem die Träume gar schreckliche Tänze aufführen, in einen Wald am Ende der Welt sowie in ein schier endloses Meer, auf dem der König mit einem Schlauchboot paddeln muss.
Das Orchester unter der Leitung von Achim Falkenhausen kosts die Finessen der Partitur geradezu aus, ist immer gut durchhörbar, setzt deutliche Akzente, musiziert die Slapstickelemente mit vorzüglicher Leichtigkeit.
Nach der 70-minütigen Premiere gab's begeisterten Beifall für das gesamte Ensemble und für den Komponistsn Wilfried Hiller, der wiederum dem TfN-Musiktheaterensemble höchst zufrieden dankte.
Ich geb' acht - gute Nacht
, verabschiedete das Traumfresserchen das Publikum, denn die Sache ist gut ausgegangen: Es wird sich die bösen
Träume wieder einverleiben.
Folglich gut ausgeschlafene kleine und große Kinder sollten Das Traumfresserchen
im Stadttheater unbedingt sehen: Das ist zeitgenössisches
Musiktheater, wie es Spaß macht.
Andreas Bode in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung
vom 25. Oktober 2010 über:
Das Traumfresserchen
am 24. Oktober 2010 im TfN • Theater für Niedersachsen